Zunft Fluntern

Martinimahl 2008


Am Samstag, 8. November 2008 trafen sich die Fluntermer Zoifter, Ehrengäste und Gäste sowie die Zunftgesellen zum traditionellen Martinimahl. Schaffhausen, der Gastkanton des Sechseläutens 2009, war bereits am Fluntermer-Martinimahl 2008 mit einem Ehrengast präsent. Nach der traditionellen Begrüssung gratulierte der Zunftmeister Dr. Felix Müller zu diversen Geburtstagen und Zunftjubiläen von anwesenden Zoiftern.





Martinirede des Zunftmeisters


„Eine Epoche geht zu Ende“. Es sei kein Zufall, dass der Crash an der Wallstreet mit dem Ende der Amtszeit von George. W. Bush zusammenfalle. Es sei auch nicht anzunehmen, dass spätere Historiker dessen Amtszeit als „success story“ bezeichnen werden. Im Gegenteil. Sie würden das Ende von Bushs Präsidentschaft verbinden mit Umwälzungen der Finanzbranche, dem Ende einer Epoche von Deregulierung und Liberalisierung.

Mit Jimmy Carter, dann Ronald Reagan und Margaret Thatcher brachte die Deregulierung – begonnen mit der Luftfahrtindustrie - den wirtschaftlichen Aufschwung. Abbau von Steuern und Vorschriften, Eigenverantwortung, Belohnung von hoher Risikobereitschaft, Wachstum, um einige Schlagworte zu erwähnen. Dieses Programm war anfänglich sehr erfolgreich. „Aber nichts ist gefährlicher als der Erfolg. Er fördert Nachlässigkeit und Egoismus bis zum Exzess.“ Die Finanzindustrie glich zunehmend einem Spielcasino. Es herrschte die Illusion, man habe das Risiko mit mathematischen Modellen im Griff. Die masslosen Boni der Bankmanager und Hedge-Fund-Manager wurden immer massloser.
Dann stürzte das Kartenhaus zusammen. Verschiedene Staaten mussten als ultimative Retter gewaltige Summen zur Stützung der Banken aufbringen, auch die Schweiz mit der UBS. Die uneingeschränkte Freiheit im Bereich Finanzen führte zum exzessiven Egoismus und daraufhin zum Absturz. Die Meinung von links, dass nun der Staat Ethik und Moral vorschreiben könne und die Verantwortung für das menschliche Verhalten übernehmen soll, sei falsch. „Wir brauchen keinen Staat, der Tag und Nacht über unser Handeln wacht“. Auch der Staat sei anfällig für Korruption und Misswirtschaft. Wir sollten weiterhin für eine freiheitliche und liberale Gesellschaft kämpfen.
Zum Schluss kolportierte der Zunftmeister noch eine zur Situation passende Anfrage an Radio Eriwan:
Frage an Radio Eriwan: Was ist Kapitalismus?
Radio Eriwan antwortet: Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.
Zusatzfrage: Und was ist Kommunismus?
Antwort von Radio Eriwan: Das Gegenteil.

Martinikonzert der Stadtmusik Kloten

Das fast einstündige Konzert unserer Zunftmusik umfasste Melodien vom japanischen „Grand March“ zu Tamboureneinlagen über <Mountain Rock> und bis zum Sechseläutenmarsch. Die Stadtmusik Kloten bot gute Unterhaltung auf hohem Niveau.






Ehrengast Hannes Germann, Ständerat des Kantons Schaffhausen


Der Zunftmeister begrüsste den Ehrengast auf der Fluntermer Stube. Er wohne in Opfertshofen im äussersten Zipfel des Kantons Schaffhausen, auf drei Seiten umgeben von „Feindesland“. Leider müsse man das nördliche Nachbarland nach dem Angriff von Finanzminister Steinbrück so benennen. Ursprünglich sei er Lehrer gewesen, nachher Journalist, und dann habe er eine Ausbildung zum Betriebsökonom absolviert. Gleichzeitig habe er seine politische Karriere bei der SVP begonnen, 2002 sei er in den Ständerat gewählt worden. Einen Namen gemacht habe er sich als angesehener Finanzpolitiker.

Hanns Germann begann seine Rede mit dem Dank an den „Zunftpräsidenten“ für die Einladung zum Martinimahl. Er fühle sich absolut sicher in der Stube, er sei ja bewacht von einem Hodlerbild, es müsse ja nicht immer der Holzfäller sein. Jenseits von 82 Prozent der Gemeindegrenze sei Deutschland. Opfertshofen sei also umgeben, im Norden von Deutschland und im Süden von Zürich. Wobei die Zürcher ihnen noch lieber seien. Die Autobahn zwischen Hammerfest und Sizilien sei überall vierspurig, ausser zwischen Thayngen, dem zweitgrössten schweizerischen Zollamt, und Winterthur, dort sei sie 2-spurig. Viele Schaffhauser würden täglich nach Zürich pendeln, mit dem Zug leider nur im Stundentakt. Aber daran sei Schaffhausen selber schuld, der Kanton habe seinerzeit den Anschluss an die Zürcher S-Bahn verschlafen.
„A Zaane voll Saapfe d’Laaitere ab schlaapfe“. Das lange „a“ im Dialekt verbinde die Schaffhauser mit den Schwaben. In der Geschichte habe Opfertshofen mehrere Male die Nationalität gewechselt. Heute seien sie froh, Schweizer zu sein, auch mit Blick auf die Steuern. Die deutschen Nachbarn würden oft sagen: „Macht ja den Scheiss nicht und kommt in die EU“. Viele Deutsche würden in der Schweiz arbeiten, das sei doch eine Win-win-Situation. Deshalb verstehe die lokale Bevölkerung die feindlichen Töne der deutschen Regierung nicht. Eine gute Nachbarschaft sei zu beiderseitigem Vorteil notwendig.
Vor 40 Jahren sei der Kanton Schaffhausen sehr industrielastig gewesen. Georg Fischer und die Schweizerische Industriegesellschaft (SIG) seien sehr grosse Arbeitgeber gewesen. Seit den 90er-Jahren habe Schaffhausen 10‘000 Arbeitsplätze verloren. Heute sei die kantonale Verwaltung mit 2‘500 Beschäftigten der grösste Arbeitgeber; zudem habe die Stadtverwaltung Schaffhausen rund  1‘200 Mitarbeitende. Mehrere internationale Grosskonzerne hätten Hauptsitze oder Produktionsstätten im Kanton Schaffhausen. Der Kanton Schaffhausen sei heute auf dem Weg vom Industriestandort zum Dienstleistungszentrum. Schaffhausen wolle gemeinsam und freundnachbarlich mit Zürich Lösungen für die anstehenden Probleme suchen.
In seiner Replik gab der Fluntermer Zunftmeister dem Ehrengast den Ratschlag, als Ehrengast beim Sechseläuten den Chef der Zunft nicht als Zunftpräsidenten, sondern als Zunftmeister anzusprechen. Schliesslich werde er auch nicht als Liegerat angesprochen, sondern als Ständerat.

Ehrengast Jürg Schindler, amtierender Zunftmeister der Vereinigten Zünfte zur Gerwe und Schuhmachern, Begleiter Stubenmeister Martin Usteri




Der Zunftmeister begrüsste den Ehrengast und seinen Begleiter auf der Fluntermer Stube. Die Vorfahren des Ehrengastes seien Glarner gewesen und hätten nicht nur Schabziger gegessen, sondern seien auch Landvögte auf dem Schloss Balgach im St.Galler Rheintal gewesen. Er sei Miteigentümer an diesem Schloss, sicher der einzige Schuhmacher mit Schloss. Von Beruf sei er Architekt im Büro Schindler und Schindler. Zeugen seines Könnens sei unter anderem der Fernsehturm auf dem Uetliberg. Sein Begleiter sei der Stubenmeister der Vereinigten Zünfte zur Gerwe und Schuhmachern. Er sei der amtsälteste Stubenmeister im Zürcher Zunftwesen, er habe sein Amt bereits im letzten Jahrhundert angetreten. Er sei ein sympathischer Bursche, was nicht erstaune, da er sei ja aus Fluntern stammt.

Seine Rede begann der Ehrengast mit der Feststellung, er und sein Begleiter seien gerne auf die Stube der Zunft des Nobelquartiers Fluntern gekommen. Es würde ihn nicht überraschen, als arme, stinkende Gerber tituliert zu werden. Eine gewisse Verachtung seien sie sich von den jüngeren Zünften gewöhnt, besonders von denen, die bald ins Pubertätsalter kommen, dazu gehöre etwa die Zunft Fluntern. Aber der Fluntermer Zunftmeister sei ein bescheidener, wohl erzogener Mensch. Das sei in einem Nobelquartier nicht selbstverständlich. Fluntern sei eine heile Welt, ja gar eine heilige. Der Stadtheilige heisse ja Felix und komme alle 1000- 2000 Jahre zurück auf die Welt.
„Hier steht er, mitten unter uns.“ Er als Ehrengast wisse, warum die Fluntermer Zoifter Felix Müller zum Zunftmeister gemacht hätten. Er trage seinen Kopf nämlich nicht hoch. Das hänge mit seinem früheren Leben zusammen, wo er um einen Kopf kürzer gemacht wurde. Als reicher Fluntermer habe er aber ein Retourbillet, ins Jenseits und zurück. Weil der Felix ein Stadtheiliger sei, sei ihm der Sonntag besonders wichtig. Früher sei das Kirchengesangsbuch die Sonntagslektüre gewesen, heute die NZZ am Sonntag. Am Sonntag hätten die Leute genug Zeit, die NZZ mit dem Fremdwörterbuch in der Hand zu lesen. Es wimmle ja nur so von geheimnisvollen Wörtern in dieser Zeitung. Eines der Themen, die das Blatt in letzter Zeit behandelte, sei die freie Schulwahl . Im reichen Fluntern hätten die Schüler in der Tat die freie Schulwahl. Die Parallele dazu wäre die freie Zunftwahl. Gäbe es die, wäre die Fluntermer Stube leer bis auf einen einsamen und hässigen Zunftmeister. Neulich sei dieser im Fernsehen zu bewundern gewesen. Obwohl er der gescheiteste der Runde gewesen sei, sei er kaum zu Wort gekommen. „Felix, Fernsehen hat etwas mit sehen zu tun. Wenn du zu Wort kommen willst, musst du dir ein neues Outfit zulegen. Und ein welscher Akzent würde dir auch gut stehen, niemand könnte dich dann bremsen“.

Gesellenshow





Die Gesellen präsentierten die Show „3 gäge 3“, eine Weiterentwicklung der Gesellenshow 2007. Moderator war ein bekannter Showmaster vom Leutschenbach. Die Ausrufer traten an gegen die Reitergruppe. Zu tiefgründigen Fragen wie <Was gibt auf einer Stube?>, <Was fehlte am Sechseläuten?> oder zum <Zunftwein> waren geistreiche Antworten gefragt. Aufgrund umfangreicher Recherchen waren zu jeder Frage fünf Antworten vorgegeben, welche erraten werden mussten. Gewonnen haben die Ausrufer, da sie die jugendliche Fantasie der Gesellen besser ergründen konnten als die Reiter.

Abschluss

Nach dem Verspeisen der Mitternachtsverpflegung, bestehend aus Schaffhauserwürsten, Büürli und Bier, erklärte der Zunftmeister das Martinimahl 2008 für beendet und wünschte eine gute Heimkehr.


André Oprecht, Chronist

 
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  14.05.2009 | Impressum