Zunft Fluntern

Sechseläuten 2009


Schönes, nicht zu heisses Wetter, ein schlagfertiger Zunftmeister, unterhaltsame Ehrengäste, sehr gute Sprecher, eine Zunftmusik vom Besten, viele Blumen austeilende und küssende Frauen, ein Böögg, der sich an die Spielregeln hielt, gutes Essen und eine super Stimmung in der Stube - kurz und gut, das Sechseläuten 2009 war ein ausserordentlich schönes.

Doch nun der Reihe nach. Nach der Begrüssung der Anwesenden und einigen kritischen Bemerkungen zur Wahl von Corinne Mauch ins Zürcher Stadtpräsidium schritt der Zunftmeister zu den Aufnahmen. Die drei Zünftersöhne Lukas Feh, Nicola Oprecht und Flo Schweri gelobten feierlich unter dem vom Bannerherr Hans-Ruedi Osterwalder gehaltenen Fluntermer Banner, sich in der Zunft Fluntern zu engagieren und die zöiftigen Grundsätze hoch zu halten.
Gérard Eyb, welchem am Hauptbott 2009 die Ehre des Ehrenzöifters verliehen wurde erhielt ebenfalls unter dem Fluntermer Banner ein kunstvoll gefertigtes Diplom.

Rede des Zunftmeisters


Wie bereits am Martinimahl 2008 ging der Zunftmeister Dr. Felix E. Müller auf die aktuelle Finanzkrise ein. Wir würden an einer Zeitwende leben, es gehe etwas zu Ende und Neues sei am Entstehen. So sei auch im Verhältnis zu Deutschland eine Epoche zu Ende gegangen. Deutschland drohe der Schweiz mit einer Kaltschnäuzigkeit ohnegleichen. Eine neue Generation von Politikern, angefangen bei alt Bundeskanzler Schröder, trete wieder machtbewusst auf, um deutsche Interessen durchzusetzen. Mit der Wiedervereinigung habe sich das deutsche Machtzentrum nach Osten verschoben, von Bonn nach Berlin. Die Bundeskanzlerin habe 35 Jahre in der DDR gelebt und die bürgerlichen Tugenden nie kennengelernt. Da der deutsche Sozialsaat auf die Dauer nicht zu finanzieren sei, werde nun Jagd auf die „Steueroase“ Schweiz gemacht. Das Ziel dieser Politiker sei es, den Steuerwettbewerb zum Verschwinden zu bringen, da dann kein finanzieller Anreiz zur Auswanderung mehr gegeben sei. - Als ob es nur finanzielle Gründe gebe, um in der Schweiz zu  wohnen und zu arbeiten. Das Verhältnis Deutschland – Schweiz werde noch ruppiger werden, prognostizierte Felix E. Müller. Unser Bundesrat sei leider immer noch viel zu ruhig, nett und gelassen . „Wär doch schöön, wenn dä Bundesrat emal würdi uf dä Tisch haue und richtig Berlin rüefe: Schnauze halten!“

Reden der Ehrengäste


Ehrengast Gerold Bührer, alt Nationalrat, Präsident economiesuisse

Seine Rede begann der Ehrengast mit dem Vergleich von David und Goliath: Hier der Wirtschaftsmagnet Zürich mit seinem Glanz und seinem Selbstbewusstsein, welches jedoch stets wieder aufpoliert werden müsse. Dort der beschauliche Grenzkanton Schaffhausen, von industriellem Handwerk und Rebbergen geprägt, mit Bodenhaftung und Bescheidenheit. Sprichwörtlich dazu passe eine Ferienreminiszenz vom Mittelmeer: „Voller Begeisterung sagt der Schaffhauser, mit Badehose am Strand stehend: Schau mal, wie gross dieses Meer ist.“ Worauf der weltmännische Zürcher antwortete: „Ich habe es mir eigentlich etwas grösser vorgestellt.“ Trotzdem sei Schaffhausen als nördliche Vorhut mit dem Munot und dem Schaffhauser Bock Gold wert für Zürich. So werde Schaffhausen den fiskalistischen Germanen und Berliner Vögten den Durchmarsch nach Zürich schon verwehren. Aus vertraulicher Quelle habe er gehört, dass der bayrische Papst nach seiner Afrikareise nach Berlin gereist  sei. Der heilige Vater gehe ja immer dorthin, wo das grösste Elend herrsche.


Zum Schluss seiner Rede wünschte der Ehrengast im Sinne Schillers allen Anwesenden „ein frohes, heiteres Gemüt als Quelle alles Edlen und Guten“, oder kurz gesagt „ein schönes Sechseläuten“.



Ehrengast Dr. Pierin Vincenz, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Raiffeisen Schweiz Genossenschaft

Als Bündner freue er sich sehr, am Sechseläuten teilnehmen zu dürfen, begann der Ehrengast seine Rede. „Der Steinbock ist das Graubündner Wappentier“, wie alle Zürcher wüssten. Deshalb sei er als Student in Zürich auch als „Steinbock-Tschingg“ betitelt worden. Viele Bündner seien Jäger, nicht nur in den Bergen sondern auch bei der Jagd nach Subventionen. Finanzausgleich, oder treffender Lastenausgleich sei das Stichwort. Viele Bündnerinnen und Bündner, welche in Zürich wohnen, würden Entwicklungshilfe leisten. Kurz gesagt, die Bündner bringen Brain nach Zürich und die Zürcher Geld nach Graubünden. Bei der Basisverständigung jedoch hapere es, meinten die Ferienhausbesitzer doch oft, Capuns sei ein Dorf in der Surselva.


Zum Abschluss der Rede informierte der Ehrengast über die Strategie seiner Bank. Von der Finanzkrise geschädigte Kunden würden folgendermassen getröstet: Das verlorene Geld sei ja, genauer betrachtet, nicht verloren, es gehöre einfach jemand anderen. Oder wenn das nichts nütze, tröste man sie mit folgendem Gedicht:


Meine Finanzen sind zerrüttet, an der Börse hat‘s gekracht,
Da hab ich aus meinen Aktien den Kindern Papierdrachen gemacht,
Ich zog mit ihnen zu Felde, wo sanft die Lüfte wehen,
Um meine Aktien nochmals steigen zu sehen.



Fabian Unteregger, Kabarettist

Der Ehrengast eröffnete seine Rede mit folgender Feststellung: Er sei erstaunt gewesen, dass er mit seinem jugendlichen Aussehen, seinem Milchgesicht, so ohne weiteres in die Zunftstube eintreten konnte. Das sei oft nicht so. Als er das letzte mal in Griechenland ein Auto mieten wollte, glaubte man seinen Angaben im Pass nicht und setzte ihn auf eine graue Liste. Vielleicht sollte er sich in den USA um die freigewordene Stelle von Christoph Meili bewerben. Der sah ja damals relativ schnell alt aus.


Es sei ihm klar, wieso ihn die Zunft Fluntern eingeladen habe. In der Öffentlichkeit trete er oft als Chamäleon auf und in Fluntern stehe doch die Masoalahalle. Sein beruflicher Werdegang habe mit einem Praktikum in einer Grossmetzgerei begonnen. Zuerst musste er tagelang Würste aufhängen, welche Dragan  mit der Wurstmaschine produzierte. Dann kam er bei der Einpackerei und der Ettikettiermaschine zum Einsatz. Er entdeckte einen Fehler auf der Cervelat-Etikette: „Hülle nicht zum Verkehr geeignet.“ Wieviele Kinder daraus entstanden seien, wisse er nicht. Es ärgere ihn nur, wenn sie im Tram neben ihm sitzen würden.


Gegen Schluss seiner Rede sprachen noch kurz Stadtpräsident Ledergerber und Nationalrat Mörgeli sowie Bundesrat Leuenberger, welcher sich mit ä und ö, begleitet durch eine wortgewaltige Gestik, zur Tagespolitik äusserte.


Umzug und Böögg




Nach dem sehr schönen Zug der Zünfte, das zweite Mal auf der neuen Umzugsroute, erwartete uns der Böögg auf dem Sechseläutenplatz, hoch auf der Stange auf sein Ende wartend. Um 18 Uhr 13 Minuten verabschiedete sich dann der künstliche Schneemann mit einem lauten Knall. Nachdem sich der Rauch verzogen hatte, war vom Kopf nichts mehr zu sehen, der Sommer kommt also bestimmt.

Dank

Vor dem Auszug bedankte sich der Zunftmeister bei den vielen Helfern, ohne deren Grosseinsatz das Sechseläuten in der Stube im Kunsthaus nicht durchgeführt werden könnte. Es sind dies – ohne Anspruch auf Vollständigkeit - der Zeugwart, der Wagenchef, der Zugschef, der Stubenmeister, der 1. Schreiber sowie dem „Zunftgärtner“. Einen besonderen Dank gebührt dem schweizweit wohl bekanntesten Fluntermer Zöifter Thomas Gysler, welcher den Zug der Zünfte beim Schweizer Fernsehen einmal mehr mit grosser Sachkenntnis kommentierte. Mit grossem Applaus bedanken sich die Anwesenden bei allen Helfern.

Reden auf fremden Stuben während dem Auszug


Zunft zur Waag, Sprecher Robi Reif

Zu Beginn seiner Rede befasste sich der Sprecher mit der Wahl von René Kalt zum Zunftmeister. Es sei schon erstaunlich, dass er gegen alle Waag’schen Traditionen ohne Doktortitel, nicht sehr attraktiv und erst noch ohne steile Militärkarriere Zunftmeister geworden sei. Vielleicht habe seine“ Züri-Schnurre“ den Ausschlag gegeben. Im Gegensatz zum Zunftwirt, der ein sehr erfolgreicher Österreicher sei. Der Schaffhauser Ehrengast der Zunft zur Waag, Regierungsrätin Rosmarie Widmer Gysel, habe in einem Interview gesagt, Schaffhausen sei ein kleines Paradies. Soviel er wisse, habe es in einem Paradies schöne Frauen, meinte der Sprecher. Diese finde man aber nicht in Schaffhausen, sondern in Fluntern, Fiona Hefti, Miss Schweiz 2004, sei der Beweis dafür.

Zunft zur Zimmerleuten, Sprecher Lukas Widmer
An den Ehrengästen, so begann der Sprecher seine Rede, könne man eine Zunft erkennen. Neben anderen Ehrengästen sei die linke Schaffhauser Politikerin, Regierungsrätin Ursula Hafner-Wipf eingeladen. Vermutlich werde Corinne Mauch, die linke Stadtpräsidentin von Zürich, der nächste Ehrengast. Nach dieser Einleitung kam der Sprecher zum Kern seiner Rede, dem Beruf des Zunftmeisters zur Zimmerleuten Dr. Rudolf Bodmer. Der Sprecher schilderte die Freuden und Leiden eines Verwaltungsrichters als kantonaler Beamter in sehr anschaulichen und realitätsnahen Beispielen. Der Auszug und die Stubenhocker gewannen einen tiefen Einblick in die Tätigkeit eines Verwaltungsrichters, in den täglichen Stress, das Phänomen des Büroschlafs, verbunden mit dem Schlafmanko bei zu hohem Pendenzenberg. Die lange Präsenzzeit von morgens 7 Uhr bis abends 7 Uhr, wobei dies nicht zwingend auch Arbeitszeit sei, unterbrochen durch eine lange Mittagszeit. Der Sprecher schilderte die richterlichen Tätigkeiten so glaubwürdig und plastisch, dass unweigerlich der Verdacht aufkam, dies seien des Sprechers eigene berufliche Erfahrungen.

Zunft zur Schneidern, Sprecher Norbert Staub
„Ein M besser“ – der rätselhafte neue Werbeslogan der Migros, war  das zentrale Thema des Sprechers bei den Schneidern. Deren Zunftmeister Jürg Zulauf wirkt als Finanzchef beim grössten Detailhändler der Schweiz. M stehe bei den Schneidern für alles Mögliche. So wehe seit dem Namenswechsel beim Zunftlokal der Schneidern ein neuer Wind. Nicht mehr ein ehrenwerter „Königstuhl“, sondern ein trendiger „Blue Monkey“ muss es jetzt sein. Seit sich bei den Schneidern aber der betrunkene Affe eingenistet hat, turnt ständig ein neuer Wirt im Zunfthaus umher. Hierzu passe das affige Ballett der Schneidergesellen, das einmal mehr den Umzug blockiert habe. - M wie: Muess-das-sii? Die Migros sei auch in Fluntern als Sponsor und Lieferant tätig, nämlich im Zoo. Da müssten sich leider nicht nur die Tiere, sondern auch die Besuchenden im Restaurant durch das M-Sortiment essen. Manchmal fühle man sich nach dem Essen nämlich M wie mies. MGB – Migros Guerilla Bund war es schon eher, als kürzlich 57 Ortstafeln mit einem orangen M ver(un)ziert wurden. M wie mühsam sei es, wie die Migros Aldi und Lidl kopieren wolle. Und M wie: Manches gehe auch in die Hose - die lange Rückrufliste der Migros zeuge davon. Zum Schluss empfahl der Sprecher, den Deutschen den Marsch zu blasen und auf Mogelpackungen zu verzichten und die Position als Marktführer zu verteidigen.

Besuche fremder Zünfte auf der Fluntermer Stube
Während der Fluntermer Auszug, unterstützt durch die schneidige Stadtmusik Kloten von Stube zu Stube durch die Altstadt marschierte, besuchten folgende drei Zünfte die Fluntermer Stubenhocker. Es waren dies die Zunft zur Weggen mit dem Sprecher Robert Mark, die Zunft zum Kämbel mit dem Sprecher Christian Bührer sowie die Vereinigten Zünfte zur Gerwe und Schuhmachern mit dem Sprecher Markus Gut.









Abschluss

Zurück auf der heimischen Stube, erholten sich die Zöifter, Gesellen, Ehrengäste und Gäste an Bier, Fleischkäse und einem "chnusprigen" Büürli. Ein sehr schönes Sechseläuten gehörte der Vergangenheit an.


André Oprecht / Chronist

 
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  6.06.2010 | Impressum