Zunft Fluntern

Sechseläuten 2010


Nach einem kurzen morgendlichen Regenschauer zeigte sich der Wettergott gnädig, ein Sechseläuten mit Sonnenschein und angenehmen Temperaturen begann. Nach der traditionell formulierten Begrüssung durch den Stubenmeister begrüsste der Zunftmeister ganz speziell den Gast von Werner Dörig, Andreas Schmid. Als designierter Regierungsrat des Kantons Nidwalden vertrat er den Gastkanton.
Anschliessend vollzog der Zunftmeister die feierliche Aufnahme von Mario Widmer, der unter dem Banner gelobte, die Grundsätze der Zunft Fluntern hochzuhalten.





Rede des Zunftmeisters



Es sei doch schön, begann der Zunftmeister seine Rede, dass alle Anwesenden festlich und fröhlich gestimmt das Sechseläuten 2010 feiern könnten. „Das ist schon fast ein Wunder, wenn man die Arena im Fernsehen schaut und den Politikern zuhört.“ Es dominieren die Themen Krise, Untergang des Finanzplatzes, Unfähigkeit des Bundesrates, Arbeitslosigkeit - als ob die Schweiz kurz vor dem Untergang stände.
Natürlich hätten in den vergangenen zwei bis drei Jahren verschiedene negative Ereignisse und Entwicklungen stattgefunden. Finanzkrise, Fast-Kollaps der Grossbanken, Angriffe auf den Schweizer Finanzplatz von allen Seiten, die Schweiz auf schwarzen oder grauen Listen etc. Man könnte tatsächlich zum Schluss kommen, der Schweiz gehe es elend schlecht.
Ein Blick auf grössere Zusammenhänge zeige aber ein anderes Bild: „Der starke Franken, eine leistungsfähige Wirtschaft, ein unabhängiges Rechtssystem, wachsende Bevölkerung, Zuwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte, z.B. Handwerker, Hotelpersonal oder Ärzte und Professoren.“ Erfolg erzeuge Neid. Den Neid jener, denen es schlechter gehe. Die Regierungen in Paris, Rom und Berlin gaukelten ihrer Bevölkerung vor, es würde ihnen viel besser gehen, wenn es keine Fluchtgelder gäbe. Mit diesen Behauptungen würden die Regierungen von der eigenen, hausgemachten und riesigen Staatsverschuldung ablenken.
Kurz gesagt, die Schweiz sei kein Sanierungsfall, sondern ein Erfolgsmodell. Sie stehe vor der Chance, vom kommenden Aufschwung überproportional zu profitieren. „Also lueged mer doch ufs Positive, lueged mer druuf, wievil besser es öisem Land gahd als dä Nachbarländer. Und freued mir öis über dä Erfolg vo dä Schwiiz – speziell am hütige Feschttag. Ich wünsche ihne allne äs schöns Sächsilüüte!“

 

Ehrengast Patrick Odier, Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung.

Die Familie Odier sei früher im Textilhandel tätig gewesen, begann der Zunftmeister seine Vorstellung des Ehrengastes. „Bei diesem Geschäft sind Finanzierungen und Kredite wichtige Erfolgsfaktoren gewesen, deshalb hat die Familie in das Bankgeschäft gewechselt und 1776 in Genf eine eigene Bank gegründet. Die heutige Bank „Lombard Odier Darier Hentsch“, ist eine klassische Privatbank und durch verschiedene Zusammenschlüsse entstanden. Patrick Odier ist der „Senior Partner“. Als stellvertretender Vorsitzender von Economiesuisse ist er mindestens einen Tag pro Woche in Zürich. Seit 2009  ist er auch Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung“.
Einleitend bedankte sich der Ehrengast für die Einladung zum Sechseläuten und erhob sein Glas auf die Gastfreundschaft mit den Worten: „Wasser macht weise, fröhlich der Wein. Darum trinken wir beides um beides zu sein“. Er freue sich auch, neben dem Ehrenzunftmeister Hans Rosenberger zu sein, einem Weggefährten von ihm als Privatbankier. Zürich sei wie Genf eine attraktive, dynamische Stadt, welche aber auch ihre Traditionen pflegen würde. In Genf hätten sie die Escalade, in Zürich das Sechsilüüte. Er sei froh in seiner heutigen Rede nichts über den Finanzplatz Schweiz sagen zu müssen. Er habe gehört, in Zürich diskutiere man am Sonntag Finanzthemen, während man in der Romandie bete und die Politiker im Tessin ans Ende ihres Lateins kommen. Inzwischen hätten sie auch in Bern gemerkt, dass das Bankgeheimnis kein Geheimnis mehr sei und dass man im April besser über Finanzfragen diskutieren könne als im „Merz“. Aber jetzt freue er sich aufs Sechsilüüte und er erhebe sein Glas auf die schöne Schweiz, auf die schönen Städte und ganz besonders auf die Zunft Fluntern.

 


Ehrengast Michael Ambühl, Staatssekretär im Finanzdepartement

Der zweite Ehrengast, so der Zunftmeister, sei ein untypischen Berner. Nicht langsam und bedächtig, sondern schnell, beredt und wendig, ohne aber unvorsichtig zu sein. Er sei der beste Diplomat, über den die Schweiz zurzeit verfüge. Michael Ambühl habe verschiedene wichtige internationale Abkommen ausgehandelt, so das Zinsbesteuerungsabkommen oder die Personenfreizügigkeit. Auch bei der Vermittlung zwischen Armenien und der Türkei habe er eine wichtige Rolle gespielt. Nun hoffen alle, dass Michael Ambühl in seiner neuen Funktion als Staatssekretär für internationale Finanzfragen gute Lösungen finde und aushandle;  sowohl in Bezug auf den ausländischen Druck auf den Finanzplatz Schweiz als auch  beim Thema Steuerflucht.

„Ich fühle mich sehr wohl in Zürich, habe 11 Jahre hier gearbeitet“, eröffnete der Ehrengast seine Rede und stellte die Frage: „Warum vermittelt die Schweiz oft erfolgreich bei internationalen Konflikten zwischen souveränen Staaten?“ Die Antwort gab er gleich selber: „Die Schweiz wird als ehrlicher Makler geschätzt und akzeptiert, da sie neutral, nicht in der EU und keine Grossmacht ist und weil die Schweiz keine koloniale Vergangenheit hat. Die Schweiz leistet mit ihrem Einsatz einen nützlichen und wichtigen Beitrag für die internationale Staatengemeinschaft.“
Bei der innenpolitischen Diskussion über das Bankgeheimnis hätten die verschiedenen Parteien wohl ein bisschen das Ziel aus den Augen verloren. Wie Mark Twain sagte: „Als sie das Ziel aus den Augen verloren, verdoppelten sie ihre Anstrengungen“. Auch die Fixierung auf den Begriff „weisses Geld “ sei fragwürdig. Mit den „weissen Geld“ sei es wie mit dem „weissen Schimmel.“ Wenn man genau hinschaue, merke man nämlich, dass beide nicht ganz weiss seien, sondern graue Flecken haben. Die Verhandlungstaktik der Schweiz müsse eine Mischung sein zwischen Beharrungsvermögen, Kreativität  und Flexibilität. Mit diesem Weg habe die Schweiz gute Chancen zur Wahrung ihrer Interessen.

 


Zug der Zünfte

An 21. Stelle marschierte die Zunft Fluntern auf der traditionellen Route durch die geschmückte Stadt Zürich. Rechtzeitig am flächenmässig reduzierten Sechseläutenplatz angekommen, erlebten die Zöifter das knallende Ende des Winters. Um 18 Uhr und 13 Minuten verabschiedete sich der Böögg und machte dem Frühling Platz.

 





Essen, Musik und Auszug



Nach dem sehr guten Abendessen gab die Stadtmusik Kloten ein Konzert mit vielen schmissigen Melodien. Nach dem Sechseläutenmarsch räumte die Zunft Fluntern die Stube und begab sich, marschierend durch die schöne Zürcher Altstadt, auf den Auszug.

 

Zunft zur Letzi, Sprecher Flo Schweri


Während seiner Rede überreichte der Sprecher dem Zunftmeister der Zunft zur Letzi fünf Feuersteine mit je einem zöiftgen Vers, alle schön eingepackt. Drei dieser kleinen Geschenke mit den jeweiligen Versen seien in dieser Zusammenfassung erwähnt: „De erschti Zöifter vornedra, sött e gschiidi Bire ha“. Das müsste für den Zunftmeister, welcher ja auch Zahnarzt sei, stimmen. Seit dem Jahr 2000 erst sei Urs Weilenmann bei der Letzi zöiftig - und heute schon Zunftmeister. Das ungestüme Streben nach oben scheine in seinem Blut zu liegen. Da müsse man dem Zunftmeister raten: „Weile-Mann.“

„Wänn’t bore chasch, dann häsch guet lache, chasch e gfröiti Rächnig mache.“ Als Medizinmann müsste der Letzi-Zunftmeister eigentlich einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen. Dies sei für einen Zahnarzt, welcher sich ausschliesslich mit dem Kopf befasse, schwierig. Vielleicht würde eine Praxisgemeinschaft mit dem Fluntermer Zöifter und Orthopäden Hanspeter Kundert das Fundament dazu schaffen.

„Wänn ich d‘UBS würd bränne la, wär si nachher nüme da.“ Während Fluntern ein schönes Quartier sei, sei das UBS-Gebäude im Quartier Altstetten doch eher ein störendes Element. Zwecks Beseitigung  dieses Missstands könnte die Feuerwehrkompanie 31 in der Nähe der UBS ein Grillfest feiern. Und der Herr Zunftmeister könnte, wenn alle Feuerwehrmänner betrunken sind, die UBS in Brand stecken. Die UBS müsste ihre Probleme in dieser Nacht für einmal ohne externe Hilfe lösen.

 

Zunft St. Niklaus, Sprecher Stefan Fritz

Die Geschichte der Zunft St. Niklaus sei schnell erzählt, begann der Fluntermer Sprecher seine Rede. „Im 13. Jahrhundert ist Niklaus von dem Sumpf aus dem damals sumpfigen Glatttal nach Rom gepilgert. Der Papst hat während der Audienz am Niklaus grossen Gefallen gefunden und ihn heiliggesprochen.“ Zurück im Glatttal, habe der nun heilige Niklaus von dem Sumpf die Zunft St. Niklaus gegründet.
Der Zunftmeister dieser Zunft, Willi Günter, sei erfolgreicher Unternehmer, er leite das Unternehmen für Beschallungssysteme seines Vaters. Dank dieser Firma könne man heute neunstündigen UBS -Generalversammlungen zuhören. Sein Erfolgsrezept bei der Anstellung neuer Mitarbeitern sei, nur Personen anzustellen, welche besser und gescheiter seien als er. Darum habe er eine so grosse Firma. Letzthin habe sich jemand bei ihm um eine Stelle beworben, der nichts konnte. Da habe er ihm geantwortet: „Alle Kaderstellen sind schon besetzt.“ Aber bei der Zunft St. Niklaus sei er trotzdem aufgenommen worden.
Zum Rodel der Zunft St. Niklaus könne er nicht viel sagen, dieser sei etwa so einfach wie die Zunftgeschichte: Alt Sekundarlehrer, alt Uhrenmacher, alt Bankdirektor, es fehle nur noch alt Rentner. In der Zunft habe es auch viele Handwerker, z.B. einen Beck namens Peter Speck. Im Auftrag des Sprechers sei ein Junge frühmorgens in die Backstube Speck gegangen. Der Beck sei am Tisch gestanden und habe auf seiner Brust Teig verstrichen und auf den Tisch gelegt. Auf die Frage des Jungen erwiderte er: „Ich mache Fasnachtschüechli.“ Das sei aber gruusig, erwiderte der Junge. Daraufhin antwortete Peter Speck: „Das geht ja noch, du solltest einmal sehen wie ich Willisauer Ringli mache.“

 


Zunft Hottingen, Sprecher Hansueli Schweri

Nach einem zöiftig-literarischen Prolog in perfektem Versmass kam der Fluntermer Sprecher auf den Hottinger Zunftmeister zu sprechen. Er freue sich ausserordentlich, den Hottinger Zunftmeister auf der Stube zu finden, er sei ja schliesslich am Zügeln. Der ganze Haushalt inklusive das zöiftige Wissen sei in Kisten verpackt. Er wisse nur nicht mehr, was in welcher Kiste sei. Dies sei für ihn als Zunftmeister am Sechseläuten ein Erschwernis, er habe bei all seinen Reden und Repliken nur das wenige, was er im Kopf habe, verfügbar.
Die Zunft Fluntern freue sich sehr, der benachbarten Zunft Hottingen einen Besuch abstatten zu können. Obwohl benachbart, gebe es zwischen den Quartieren neben Gemeinsamkeiten auch Unterschiede. Die Lilie im Fluntermer Wappen zeuge von der Unschuld in Fluntern, wogegen den Hottinger mit einem Kleeblatt das Glück lache. Die Unterschiede zwischen Fluntern und Hottingen kämen sich auch in den Farben des Zunftwappens zum Tragen. Fluntern vornehm mit Lilien in Blau-Weiss. Hottingen hingegen zeige ein grünes Kleeblatt vor rotem Hintergrund. Diese Farbenkombination sei im heutigen Zürich zwar sehr aktuell, führe aber dazu, dass sie am heutigen Zug der Zünfte fast am Ende marschieren mussten. Eine letzte Bemerkung zu den Quartieren: „Fluntern hat den Zoo, Hottingen das Schauspielhaus, wir die Affen und ihr das Theater.“
Der Hottinger Zunftmeister habe den Ruf, aktiv zu sein. Es passt deshalb zu ihm, dass er am Zunftbott 2009 spontan die Organisation des nächsten Zunftbottes übernommen hat.

 


Besuche auf der Fluntermer Stube

Während die Fluntermer auf dem Auszug waren, wartete der Fluntermer Zunftmeister mit seinen Stubenhockern auf die besuchenden Zünfte, in der Hoffnung auf drei zöiftige Reden. Es kamen die Zunft Hottingen mit dem Sprecher Dr. René Teller, die Zunft zur Zimmerleuten mit dem Sprecher Adrian Hermann und zuletzt die Zunft Riesbach mit dem Sprecher Dr. Alkibiadus Goridis. Die Hoffnung auf wirklich zöiftige Reden wurde nur teilweise erfüllt.

 



Schlusskonzert


Nach der Rückkehr des Fluntermer Auszuges in die heimische Stube sanken die Zöifter erschöpft auf ihre Stühle, während die Zunftmusik ohne sicht- und hörbare Ermüdungserscheinigungen ein Schlusskonzert spielte. Besonders Gefallen fand die Nummer - im Stil von - „Rockin‘ Rockie Rocket“, ein Schlagzeug-Solo ohne Instrumente, nur mit der Stimme imitiert. Natürlich endete auch dieses Konzert mit dem Sechseläutenmarsch.
Anschliessend erklärte der Zunftmeister das sehr schöne Sechseläuten 2010 für beendet.

André Oprecht / Chronist

 

 
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  31.05.2011 | Impressum