Martinimahl 2010
Am Samstag, 13. November 2010, trafen sich die Fluntermer Zöifter, Ehrengäste und Gäste sowie die Zunftgesellen zum traditionellen Martinimahl. Als Ehrengäste eingeladen waren Nationalrat Christian Miesch aus dem Kanton Basel-Landschaft sowie Peter Schmid, Zunftmeister der Zunft Wollishofen mit seinem Begleiter, Zunftpfleger Thomas Buri. Nach der traditionellen Begrüssung kam der Zunftmeister zu einem wichtigen Moment im Zunftjahr: zur Aufnahme eines neuen Mitgliedes der Zunft. Stefan Tscharner konnte wegen des Ausbruchs eines isländischen Vulkans nicht rechtzeitig aus den USA zurückreisen und deshalb nicht am Sechseläuten 2010 teilnehmen. So fand seine Aufnahme ausnahmsweise erst am Martinimahl statt. Stefan Tscharner gelobte feierlich unter dem Fluntermer Banner, sich in der Zunft Fluntern zu engagieren und die zöiftigen Grundsätze hoch zu halten.
Anschliessend gratulierte der Fluntermer Zunftmeister Dr. Felix Müller zu diversen Geburtstagen und Zunftjubiläen von Fluntermer Zöiftern.
Martinirede des Zunftmeisters
Am Beispiel des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfestes in Frauenfeld zeige sich das grosse mediale Interesse an derartigen traditionellen Anlässen. Er habe auf der eigenen Redaktion erlebt, wie junge Journalistinnen und Journalisten ausführliche Berichte über die Geschichte des Schwingens oder über Schwingergriffe verfasst hätten. Das wäre vor einigen Jahren noch ausgeschlossen gewesen. Dieses Fest wäre als völlig veraltet beschrieben worden, vor zwanzig bis dreissig Jahren sei Patriotismus out gewesen. Alle historischen Ereignisse der Schweizergeschichte seien damals in Bezug auf ihren Wahrheitsgehalt hinterfragt worden. So habe die 68-er Generation Geschichtsschreibung betrieben. Nationalstolz, so der Tenor damals, sei gefährlich und habe auch schon zu Krieg geführt.
Was die kritischen 68-er Historiker vergessen hätten, sei Folgendes: Nicht alles in der Geschichte, was nicht mit Zahlen belegt werden könne, sei falsch. Jede Nation habe Geschichten aus der Vergangenheit, die erzählt und weitererzählt würden. Ob der Rütlischwur stattgefunden habe, sei sekundär, er zeige aber, mit welchem Geist und wie die Schweiz entstanden sei. Diese Ablehnung des Patriotismus und Verspottung der Geschichte habe den Aufstieg der SVP zur stärksten Partei der Schweiz ermöglicht. Der erstarkte Patriotismus sei zuerst im Sport sichtbar geworden. Es sei wieder okay, wenn man die Schweiz gut finde. Dies zeige sich, indem man beispielsweise mit einem rot-weissen Shirt an einen Fussballmatch gehe. Der neue Patriotismus wisse aber auch, dass die Schweiz ein kleines Land in der globalisierten Welt sei. Die heutige Generation habe gelernt, sich zwischen den beiden Welten – Tradition und Weltoffenheit - zu bewegen. „Aber das händ mir Zöifter schliesslich scho immer gwüsst".
Ehrengast Nationalrat Christian Miesch, Kanton Basel Landschaft
Der Zunftmeister begrüsste den Baselbieter Ehrengast auf der Fluntermer Zunftstube. Er sei in Titterten aufgewachsen, habe dort geheiratet und wohne auch in Titterten. Er trinke auch manchmal Baselbieter Kirsch, was unschwer aus seiner leicht rötlichen Gesichtsfarbe zu erkennen sei. Wer aber denke, Christian Miesch sei ein bornierter Provinzler, der täusche sich. Er verkörpere Bodenhaftung und Weltoffenheit in einem. Seine politische Karriere habe bei der FDP begonnen. Dort sei er aber in Ungnade gefallen, weil er zu stark rechts politisiert habe. Seither sei er in der SVP und betätige sich des öftern im Auftrag des Nationalrates als Wahlbeobachter z.B. in Bosnien. Dies sei nicht ganz SVP-typisch.
Ja, er komme aus Titterten, dem schönsten Dorf im Baselbiet, begann der Ehrengast seine Rede. Er lege Wert auf die Feststellung, ein Baselbieter und nicht ein Basler zu sein. Als Mitglied der OSZE-Delegation überwache er oft Wahlen in Krisengebieten. Mit der Aussenministerin Bundesrätin Calmy-Rey habe er sich nie ganz verstanden. Sie spreche immer von aktiver Neutralität. Das sei ein Begriff, der sich selbst widerspricht. Das passe so wenig zusammen wie ein sparsamer Sozialdemokrat oder ein ehrlicher CVP-Politiker oder ein SVP wählender Zunftmeister Felix Müller. Bundesrätin Calmy-Rey habe ihm einmal vorgeworfen, er habe nie mit ihr gesprochen. Da habe er geantwortet: "Ich wollte sie nicht unterbrechen". Zur Bekämpfung des Übergewichtes habe er noch einen Tipp: „Werden Sie FDP-Wähler, die nehmen laufend ab“. Als Dank für die ehrenvolle Einladung überreichte er dem Zunftmeister drei Flaschen des „weltbekannten“ Titterten-Weines von eigenen Reben.
In seiner Antwort bedankte sich der Fluntermer Zunftmeister beim Ehrengast für seine ausgezeichnete Rede. Er bedankte sich auch für den Titterter Wein, der hoffentlich ohne Subventionen produziert worden sei. Er sei sicher gerne nach Zürich gekommen, da Basel-Land ja vom Finanzausgleich profitiere. Da wolle er sicher wissen, wo das Geld herkomme.
Ehrengast Peter Schmid, Zunftmeister der Zunft Wollishofen mit Begleiter Thomas Buri, Zunftpfleger
Peter Schmid habe sein Amt bereits im Alter von 42 Jahren übernommen, nicht unvorbereitet, da sein Vater bereits Zunftmeister gewesen sei. Auch beruflich sei er in die Fussstapfen seines Vaters getreten und habe die Familienfirma Schmid Telekom übernommen. Laut Werbespot heisse das Motto der Firma „Intelligent by nature“. Obwohl er auf der Schattenseite des Zürichsees residiere, habe er ein sonniges Gemüt entwickelt, unterstützt von der Bordeaux-Sammlung im Keller.
Nach einer kurzen Einleitung schilderte der Ehrengast minuziös die verschiedenen Stationen des beruflichen Werdeganges des Fluntermer Zunftmeisters in der Schweiz und den USA. Mit dem Aufbau der NZZ am Sonntag seit neun Jahren könne er einen unternehmerischen Erfolg verbuchen, er gratuliere ihm dazu. Es sei ihm eine Ehre, dass der Chefredaktor zur Zeit des Redaktionsschlusses in der Fluntermer Stube sei. Hoffentlich habe er einen guten Stellvertreter.
Seine Frau Franziska sei die erfolgreiche Rektorin der Kantonsschule Rychenberg in Winterthur. In einem Interview habe sie Folgendes gesagt: „Ich kann nicht putzen, nicht einkaufen, nicht kochen, ich kann nur gut delegieren“. Da erstaune es ihn nicht, dass der Fluntermer Zunftmeister Hausmann sein müsse. Die sehr guten und anspruchsvollen Reden des Chefredaktors der NZZ am Sonntag verstehe er als Wollishofer nicht. Übrigens sei das Petit Fleur in Wollishofen kein Thema mehr, das sei ein Blumengeschäft wie jedes andere.
In seiner Antwort meinte der Fluntermer Zunftmeister: „Ich schätze es sehr, wenn mir jemand meinen Lebenslauf erzählt. Verschiedenes habe ich auch vergessen“. Das Zitat seiner Frau sei richtig, hinter jeder erfolgreichen Rektorin stehe ein erfolgreicher Hausmann, den sie versucht habe vom Erfolg abzuhalten. Dass er seine Reden nicht verstehe, erstaune ihn nicht sonderlich, habe es doch am Wollishofer Sprecherseminar geheissen: "Weniger denken, mehr sprechen".
Fluntermer Gesellenshow
An der Gesellenshow wurde das aktuelle Thema „Evaluation Gesellenkostüm“ von verschiedenen Seiten her beleuchtet. Acht konkrete Vorschläge wurden präsentiert. Die von „Gesellen-Mannequins“ präsentierten Kostüme bildeten einen Bogen vom „Schulbuben-Outfit“ über die alten Uniformen der Zunftmusik bis zur Variante “Business“. Alle acht Varianten wurden aber als nicht zunftfähig beurteilt. Deshalb hätten die beiden Ehrenzöifter Gérard Eyb und Hans Ueli Schweri einen historisch abgestützten Vorschlag gemacht, ein Schankburschenkostüm aus der Zeit David Herrlibergers (1697 – 1777). Dieses wurde von einem kolorierten "Kartongesellen" auf der Bühne präsentiert.
Mit einigen gelungenen „Aa zelle Bölle schelle“ Versen zum politischen Tagesgeschehen ging die Gesellenshow zu Ende, wie immer in der Entstehungsphase tatkräftig unterstützt durch den Gesellenvater Gérard Eyb.
André Oprecht, Chronist
