Zunft Fluntern

Martinimahl 2011

Zwar wie jedes Jahr, aber immer wieder schön: das Martinimahl der Zunft Fluntern als ein Höhepunkt im zöiftigen Jahr. Nach der traditionellen Begrüssung geht der Zunftmeister kurz auf die Ablehnung der dauernden Integration der Gesellschaft zur Fraumünster in den Sechseläutenumzug durch die Mehrheit der Zünfte ein. „Die Zürcher Zünfte sind aus der Zeit gefallen, also nicht mehr zeitgemäss“, äusserte sich die Zürcher Stadtpräsidentin Corinne Mauch zum demokratisch entstandenen Resultat.
Die Antwort unseres Zunftmeisters: „Frau Mauch irrt sich. Das aktive zöiftige Leben, die vielfältigen interzöiftigen Anlässe oder die Mitgliederzahlen der Zünfte sprechen eine andere Sprache. Was macht die Zünfte so attraktiv? Sie pflegen Traditionen und Freundschaft und sind im staatsbürgerlichen Interesse von Stadt und Kanton Zürich vereint. Es heisst ja, dass man aus den Traditionen lernen muss, um in der Zukunft bestehen zu können. Deshalb sind wir heute Abend in der Tradition des Martinimahles zusammengekommen.“

 

Traditionsgemäss ehrte Felix E. Müller anschliessend „runde“ und „halbrunde“ Geburtstage, sowie langjährige Zunftzugehörigkeit. Von Letzteren seien nur Nino Mattenberger mit 55 und Werner E. Angst, Eric Brändli und Hans Stäger mit je 50 Jahren Zunftzugehörigkeit erwähnt.

 

Martinirede des Zunftmeisters

„Die Abkehr von den verschiedenen historisch gewachsenen Währungen im Jahr 1850 und die damalige Schaffung der Einheitswährung Schweizer Franken hat die Entwicklung der heutigen Schweiz mit dem Wirtschaftswachstum ermöglicht.“ Mit dieser Aussage eröffnete der Zunftmeister seine Martinirede. Eine eigene nationale Währung habe den grossen ökonomischen Vorteil, dass eine eigene Zinspolitik verfolgt, die Geldmenge gesteuert und die Verschuldung gering gehalten werden kann. „Eine starke Währung ist das Symbol für ein starkes Land und Basis für eine gesunde Wirtschaft“, betonte der Zunftmeister und fuhr fort: „Lange ist der starke Franken ein Vorteil für den Wirtschaftsstandort Schweiz gewesen.“ Durch die Kursverluste des Dollars und des Euros sei enorm Kapital in unsere sichere Währung geflossen und der Franken dadurch immer stärker geworden. Die Kehrseite der Medaille aber sei, dass die Schweiz für die Ausländer immer teurer werde, der Tourismus zurückgehe und die Exportindustrie nicht mehr konkurrenzfähig sei.
Diese alarmierende Entwicklung habe die Nationalbank bewogen, einen Frankenkurs zum Euro von 1.20 zu definieren und zu verteidigen, was eine faktische Anbindung des Frankenkurses an den Euro bedeute. Dies zeigte auch, dass die Schweiz nur in Relation zu ihrer Umwelt leben und handeln könne, ein Alleingang sei in der heute stark verflochtenen Welt nicht mehr möglich.
Wie der britische Währungshistoriker Harold James sinngemäss sagt: „Mer chan nöd dä einzig Glücklich i de Welt sii. Aber relativ glücklicher als vili anderi z‘sii isch doch au scho vil! Und das simmer doch, wenn mer ehrlich sind. Und uf das wämmer hüt Aabig aastosse.“

 


Ehrengast Jörg Zulauf, Zunftmeister der Zunft zur Schneidern mit dem Begleiter Zeugwart Christian Ehrensperger

Der Ehrengast sei nicht nur Zunftmeister, begann der Fluntermer Zunftmeister seine Begrüssung des Ehrengastes, sondern auch Finanzchef der Migros und überreichte ihm seine Cumuluskarte, damit er für seine Einladung die entsprechenden Punkte erhalte.

Der Zunftmeister der Zunft zur Schneidern wohne in einer Villa in Thalwil. Als Journalist, so der Fluntermer Zunftmeister, wisse er, dass jede Villa eine Leiche im Keller habe. Und so sei es auch beim Ehrengast, er sei in seiner Jugend Opel Manta gefahren.

Nach dem Abschluss der Ausbildung habe er in Korea gearbeitet. Das viele Fliegen sei ihm aber verleidet, da ein Mantafahrer beim Reisen gerne den Ellbogen zum Fenster hinaushalte. Nach einigen Jahren bei Roche sei er schliesslich als Finanzchef bei Migros gelandet. Am meisten Freude bereite ihm die Beteiligung der Migros an der Firma Vögele. Er möchte nämlich das Vögele-Aushängeschild Penelope Cruz näher kennenlernen. Es sei ja das Tragische bei jedem Schneider, dass er das, was er gerne sehen möchte, verhüllen müsse. Darum sei sein Ehrengast bei Vögele und Penelope Cruz für völlige Transparenz.

 

Der Ehrengast begann seine Rede mit dem Dank für die Einladung. Es geniesse es sehr, als Zunftmeister einer historischen Zunft mit seinem Begleiter Gast im eingemeindeten Teil der Stadt Zürich zu sein und erst noch in der Nähe seines Elternhauses. Dann fuhr er fort: „D‘ Stadt Zürich dörf i de Tat stolz sii und vo Glück redä, dass de Huufä vo Standesriiter, Hoch-wächtler, Grenadiere, Augustiner Chorherre, Stadtbürger und Ausrüfer näbscht dä Linke, Rote, Grüne und Velofahrer au no zu dä Stadt Zürich gehöre tuet.“ Die Zunft Fluntern habe bei ihrer Gründung 1895 mit der Kostümgruppe der Chorherren im zwinglianischen Zürich die heutige Zürcher Mischung von Subkulturen vorweggenommen.

 


Die Auswertung der Cumuluskarte des Fluntermer Zunftmeisters habe ihm tiefe Einblicke in dessen Leben ermöglicht, setzte der Ehrengast seine Rede fort. Er habe die vier am häufigsten gekauften Artikel eruiert, nämlich Schreibpapier, Socken, Deodorant und Glückstee. Daraus könne er verschiedene „Mödeli“ im Leben von Felix E. Müller erkennen, sowohl in der Redaktion der „NZZ am Sonntag“ als auch zu Hause in dessem Frauenhaushalt.


Zur Konkurrenz der NZZ am Sonntag durch die Gratiszeitungen meinte der Zunftmeister der Schneidern, angelehnt an das Motto der Migros „ein M besser“, „die NZZ ist ein N besser“.

 



Ehrengast Prof. Dr. Rudolf von Steiger, Obmann der Gesellschaft zu Ober-Gerwern, Bern mit dem Begleiter Dr. Berchtold von Fischer, Beisitzer

„Der Kanton Bern ist Ehrengast am Sechseläuten 2012.“ Dies sei der Grund, eröffnete der Zunftmeister seine Begrüssung, dass die beiden prominenten Berner heute Gäste auf der Fluntermer Zunftstube seien. Sie hätten beide ein „von“ im Namen und seien aus alten Familien, die von Fischer seit 1291 und die von Steiger seit 1447. „Nur die Müller sind älter, denn seit ca. 10‘000 Jahren wird Brot gebacken“ ergänzte der Fluntermer Zunftmeister.
Rudolf von Steiger sei ein Weltraum-Physiker und arbeite am Internationalen Space Science Institut, nicht in Huston sondern an der Aare. Zurzeit beschäftige er sich mit den Magnetfeldern von Himmelskörpern. Auch sein Begleiter Berchtold von Fischer beschäftige sich mit Himmelskörpern, er sei Gynäkologe. Es habe sich vor einigen Jahren beruflich neu orientiert und züchte heute Galloway-Rinder. Er habe diese schottischen Hochland-Rinder als erster in die Schweiz importiert und züchte sie sehr erfolgreich hoch über dem Thunersee.

Rudolf von Steiger bedankte sich für die Einladung zum Zürcher Sechseläuten und reichte das Wort weiter an seinen Begleiter. Bechtold von Fischer begann seine Rede im breiten, langsamen Berndeutsch mit folgendem Gedicht:
Zur Martini-Gans geladen
an des Zürichsees Gestaden
bin ich von der Zunft zu Fluntern
um mich etwas aufzumuntern.
Denn in Bern, bis zum Exzess,
leid‘ ich immer unter Stress.
Falsch ist nämlich jene Mär,
vom langsamen Berner Bär.
Für Ruh und Musse, ja das spür ich,
fahr ich lieber erst nach Zürich.

Seine Frau sei nämlich eine halbe Zürcherin und betreibe seit langem das Restaurant Morgenstern an der Zwinglistrasse in Zürich im Kreis 4. Anschliessend zitierte er die kürzeste Rede eines Berners in Zürich: „In Bern isst man gut und spricht schlecht. In Zürich spricht man gut.“ Und, es sei geklagt, mit Blick auf das Martinimahl-Menu stimme der Spruch sogar.
Zum Abschluss schilderte der Ehrengast ein persönliches Erlebnis zum Vergleich Limmat und Aare. Für ihn sei die Aare das Mass aller Dinge gewesen, da er in Bern aufgewachsen sei. Letzthin habe er am Zürichhorn die riesigen Wassermassen erblickt und realisiert, wie gross und mächtig die Limmat sei. Seither habe er einen Minderwertigkeitskomplex.




Gesellenshow

Die Gesellen boten folgenden amüsanten Querschnitt durch einen durchschnittlichen Schweizer Fernsehabend:
Obergeselle Flo Hunsperger zappte gelangweilt durch die Kanäle des Fernseh-Programmes. Beim Interview von Roger Schawinski konnte Bundesrat Maurer aufgrund der vorlauten Fragetechnik des Moderators keinen ganzen Satz fertig auszusprechen. Im NZZ-Format wurde eine Analyse über Hochdeutsch und Schweizerdeutsch erwähnt. In der Tagesschau wurde der 40% „Haarcut“ in Griechenland thematisiert. Nach einem kurzen Interview mit dem allseitig winkenden Berlusconi wurden abschliessend die bevorstehenden Wahlen in den Bundesrat thematisiert. Es scheine, dass die SVP Mühe habe, gute Kandidaten zu finden, hätten doch alle Kandidaten, welche lesen und schreiben können, abgesagt.
Als Abschluss der Gesellenshow durfte das „A zelle Bölle schelle“ mit Versen zur Tagesaktualität nicht fehlen.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Gérard Eyb und Urs Berli für die Unterstützung der Gesellen bei der Realisation ihrer Show, die beste Unterhaltung bot.

 





Ausklang

Gegen Mitternacht wurde der „zweite“ kulinarische Höhepunkt des Martinimahles serviert: Fleischkäse, Püürli und Bier. Mit einem Dank an alle, welche das Martinimahl organisiert und die Zunftstube – mit neuen Dekorations-Elementen – aufgebaut haben und wieder zurückbauen würden, erklärte der Zunftmeister den Anlass für beendet.


André Oprecht / Chronist

 
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  23.07.2012 | Impressum