Zunft Fluntern

Sechseläuten 2012


Die Regenprognose hinderte die Fluntermer Zöifter, Gesellen, Ehrengäste und Gäste natürlich nicht daran, sich erwartungsfroh am Montagvormittag, 16. April, auf der Zunftstube im Kunsthaus zum traditionellen Zürcher Frühlingsfest zu versammeln. Nach dem Willkommensapéro im Foyer, das mit neuen Leuchtelementen geschmückt war, läutete der Stubenmeister die Glocke. Alle Anwesenden suchten ihren Platz in der Zunftstube. Nach der traditionellen Begrüssung hiess Zunftmeister Felix E. Müller auch die Ehrengäste aus Adel, Forschung und Finanz willkommen. Als Gäste der Zunft begrüsste er die beiden Staatsschreiber der Kantone Bern (dem Gastkanton des Sechseläutens 2012) und dem Kanton Zürich.


Als besonders feierlichen Akt stand die Bannerübergabe auf dem Programm. Hans Ruedi Osterwalder übergab nach 14 Dienstjahren das Zunftbanner seinem Nachfolger Roger Staub. Dabei verdankte der Zunftmeister den grossen Einsatz von Hans Ruedi Osterwalder in dieser für die Zunft wichtigen Funktion.

Anschliessend vollzog der Zunftmeister die Aufnahme von Thomas Hofstetter, Roman Pitschi und Beat Schiesser in die Zunft Fluntern. 



Rede das Zunftmeisters

Kriege zwischen Staaten würden heute nicht mehr nur  mit militärischen Waffen durchgeführt, eröffnete der Zunftmeister Dr. Felix E. Müller seine Rede. Wikileaks habe vor einem Jahr den USA grossen Schaden mit der Veröffentlichung von geheimen Dokumenten und Bildern vom Irak-Krieg zugefügt. Alle Flugzeugträger und Raketen der USA hätten diese Veröffentlichung im „Worldwide Web“ nicht zu verhindern vermocht. In China tobe seit vielen Jahren ein Kampf um die Kontrolle des Internets. Internet-Aktivisten würden immer wieder Wege suchen, um die Zensurbehörde zu überlisten. Cyberwar oder Krieg im virtuellen Raum, werde mit Waffen wie Viren, Trojanern oder Computerprogrammen geführt.

In der Finanzbranche, setzte der Zunftmeister seine Rede fort, werde der Druck auf die Schweiz und Liechtenstein, der Heimat eines Ehrengastes auf unsrer Stube, immer stärker. Mit dem Diebstahl von Bankdaten oder dem Handel mit Bankdaten-CD würden von benachbarten Staaten Mittel eingesetzt, welche man im 21. Jahrhundert nicht für möglich gehalten hätte. Da  regiere das Recht des Stärkeren. „Die Schweiz muss sich dieser Entwicklung stellen“, fuhr der Zunftmeister fort. „Wir müssen schlauer und entschlossener werden, und in diesem Bereich ist in der Schweiz  noch viel Verbesserungspotenzial vorhanden.“

Ehrengast S.D.Prinz Philipp von und zu Liechtenstein, Stiftungsratspräsident der LGT Group

Nach einem kurzen Rückblick auf die Geschichte des Fürstenhauses Liechtenstein kam der Zunftmeister auf die Gegenwart zu sprechen. Prinz Philipp, der Bruder des jetzigen Fürsten Hans Adam, sei ein Verfechter der Monarchie und gleichzeitig ein überzeugter Demokrat. Nur die Demokratie schütze die Bürger von der Willkür der Mächtigen. Kleinstaaten hätten es in Europa zurzeit nicht einfach. Wichtig sei es, die Kontakte mit diesen zu pflegen, darum sei Prinz Philipp Ehrengast bei der Zunft Fluntern.

Als erstes bedankte sich der Ehrengast für die Einladung ans Sechseläuten. Er sei in Zürich geboren und komme oft hierher, auch geschäftlich. Als Steueroasen würde die Finanzplätze Vaduz und Zürich beste freundschaftliche Beziehungen pflegen. Wenn er hingegen nach Norden über den Rhein schaue, könne er nur sagen: „Die Wüste lebt“.

Dann wandte sich der Ehrengast dem Chefredaktor der „NZZ am Sonntag“ zu. Sein Kurzzeichen sei „fem“, was in der Sprachwissenschaft normalerweise „feminin“ bedeute. Aber die NZZ sei sprachlich schon immer eigene Wege gegangen. Als Banquier könne er zum 10-Jahres-Jubiläum nur sagen: „Das junge Blatt und sein Chefredaktor haben die Erwartungen übertroffen“. Zum Schluss seiner Rede befasste sich der adlige Ehrengast noch mit der Zunft. Der Zürcher Zoo und die Zunft Fluntern hätten vieles gemeinsam, zum Beispiel die Masoalahalle und die Zunftstube: „ Je länger der Tag, desto grösser die Dichte an heisser Luft“.




Ehrengast Nicolas von May, Schlossherr von Toffen und Banquier

Nicolas von May sein ein Vertreter einer der bekanntesten Bernburger Geschlechter. Einer seiner militärisch erfolgreichen Vorfahren habe von der Schlacht bei Novara anno 1513 einen Bären nach Bern mitgebracht. Für diesen Bären habe man damals den ersten Bärengraben gebaut. Nicolas von May sei Mitbesitzer der Neuenburger Privatbank Bonhôte , einem Institut mit 60 Mitarbeitenden, welche sich nur im klassischen Private Banking engagiere. Er wohne mit seiner Familie im Schloss Toffen, das seit 1507 im Besitz der Familie von May sei.

Als erstes bedankte sich der Ehrengast für die Einladung, obwohl er gar nicht wisse, was heute auf ihn zukomme. Als Berner im pulsierenden Zürich wolle er den Tag einfach geniessen. Im Bereich Zunftwesen seien Parallelen vorhanden, er sei Mitglied der Gesellschaft zu Mittellöwen, und auch sie hätten eine Zunftstube. „Das Wappen mit dem Löwen und dem Gerbermesser weist auf die handwerkliche Gebundenheit der Stube hin.“

Zu Beginn seiner Bankkarriere habe er bei einer Basler Privatbank gearbeitet. Als damals der Zürcher Filiale schlechte Nachrichten zu überbringen waren, habe man ihn geschickt. „Schicke mir doch wieder dr von May dort anne, dä isch scho mal nit von Basel.“ Weil er einem Zürcher Börsenhändler einmal geholfen hat, habe  er von diesem 1 Kilo Luxemburgerli erhalten. Er habe dieses süsse Gebäck so gerne, dass er einmal, als er in Luxemburg war, in einer Confiserie ganz echte Luxemburgerli kaufen wollte. „Des quoi? Ne soyez pas désobligeant!“ entsetzte sich die Verkäuferin. Verzweifelt habe er zu erklären versucht, er wolle Macarons kaufen, nicht kleine Luxemburger. Seit damals wisse er, dass die echten Luxemburgerli nur aus Zürich kommen.

 



Ehrengast Dr. Lino Guzella, Professor am Departement für Maschinenbau und Verfahrenstechnik, Rektor designatus der ETH Zürich

Professor Lino Guzella, so begann der Zunftmeister die Begrüssung des Ehrengastes, sei ein Musterbeispiel, wie die Schweiz durch fleissige und arbeitsame Einwanderer bereichert werde. Seine Eltern seien nach dem 2.Weltkrieg in die Schweiz gekommen und hätten nie gedacht, dass ihr Sohn an die Spitze einer der besten Hochschulen der Welt aufsteigen würde. Professor Guzella habe das Auto zu seinem Beruf gemacht. Er habe im Labor an der Verbesserung des Verbrennungsmotors geforscht. Die Verbesserungen seien nur dank viel elektronischen Steuerungen und Regulierungen möglich geworden. So würden moderne Autos wesentlich weniger Benzin verbrauchen als die früheren. 

Er sei ein richtiger Secondo, eröffnete der Ehrengast seine Rede. Bisher sei ihm das Sechseläuten eher ein fremder Brauch gewesen, darum freue er sich sehr über die heutige Einladung. 

Die ETH sei  mit 10‘000 Angestellten einer der grössten Arbeitgeber im Raum Zürich und damit ein Teil des wirtschaftlichen Erfolg von Stadt und Kanton Zürich. Beide Regierungen seien sich dessen bewusst und unterstützen die ETH. „Die ETH ist eine der zehn weltbesten Schulen. Das ist kein Naturgesetz, sondern die Folge dauernder Anstrengungen“, fuhr der Ehrengast fort. Die Schweiz sei arm an Rohstoffen, ihr Reichtum basiere darauf, dass viele intelligente Leute in Bildung und Forschung tätig seien. Er habe sich überlegt, wie in Zürich eine heute zu gründende neue Zunft heissen müsste. Zunft zur Gasturbine, Zunft zum Einstein, oder am ehesten Zunft zur Eule, in welcher die Wissenschaft und Bildung zusammenfasst seien. „Sie in der Zunft Fluntern können auch einen Beitrag leisten, nehmen sie Leute aus Bildung und Wissenschaft in ihre Zunft auf!“

 


Musik  und Kulinarisches

Wie jedes Jahr begleitete die Stadtmusik Kloten die Zunft Fluntern mit Marschmusik und diversen konzertanten Einlagen. Die Konzerte in der Zunftstube und die musikalische Begleitung auf dem Zug der Zünfte und dem Auszug  waren - trotz zeitweiligem Regenguss - von hoher Qualität. 

Auch Essen und Tranksame, ein wichtiger Teil des Gesamtprogrammes, waren sowohl „Zmittag“ und „Znacht“ wie auch zu später Stunde um Mitternacht von hoher Qualität.


Zunft zur Weggen, Sprecher Urs Berli

Am Brot komme man bei der Zunft zur Weggen nicht vorbei, begann der Fluntermer Sprecher seine Rede, schliesslich sei der Zunftmeister zur Weggen Chef des Mehllabors, oder anders gesagt der Direktor der Migros-Bäckerei JOWA. In der Zunft zur Weggen seien ca. 30 Zöifter gewerbliche Bäcker, die sicher keine Freude an der Migros-Bäckerei hätten. „Nur die tümmste Chälber wähled ihrä Metzger sälber“, dieser Spruch der Metzger passe übersetzt auch für die Bäckerzunft. Aber immerhin würden die Weggenzöifter nicht mehr Industrie- Brötli von Migros, sondern echte Züri-Beck-Semmeli in die Zuschauermenge werfen. Weiss sei die dominierende Farbe bei den Weggenzöiftern, auch bei der Hochzeit des Zunftmeisters. Deshalb  sangen die Fluntermer Zöifter zum Schluss der Rede des Fluntermer Sprechers den leicht veränderten Song von Gölä: „En Wegge wiiss wie Schnee….“

Zunft Riesbach, Sprecher Josef Bösze

Es habe sich herumgesprochen, so der Fluntermer Sprecher, dass der Riesbacher Zunftmeister an alle mögliche zöiftigen Anlässe gehe. Die Lösung sei nicht, dass er bereits pensioniert wäre, nein er sei bei der UBS Recruitment Manager. Da die UBS dauernd Leute entlasse, müsse er keine neuen Mitarbeitenden einstellen und hätte so viel Zeit, z.B. für zöiftige Anlässe. Sogar bei den Ehrengästen hätte sie das Motto „Leute entlassen“ berücksichtigt. Der Ehrengast Hanspeter Latour, ehemaliger Trainer beim Grasshopper-Club, sei als Frührentner Ehrengast.

Die Zunft Riesbach werde gerne mit dem Wein in Verbindung gebracht. Das sei natürlich falsch, der Ries-Bach führe schliesslich nicht Wein sondern Wasser. Das sei vermutlich der Grund dafür, dass sie den Politiker Christian Wasserfallen aus dem Kanton Bern eingeladen hätten.


Zunft zur Meisen, Sprecher Thomas Landolt

Er freue sich, bei der Zunft zur Meisen seine zöiftige Rede zu halten, so der Fluntermer Sprecher. Die Zunft zur Meisen sei ja ursprünglich die Zunft der Weinleute gewesen. Die Zunft Fluntern befasse sich neuerdings auch mit Weinbau, und zwar mit einem Rebberg unter der Grossen Kirche Fluntern und sei deshalb am Rebbau-KnowHow der Zunft zur Meisen interessiert. „Wir wissen aber, dass die Weinleute in Ihrer Zunft immer rarer und die Banker und Juristen immer zahlreicher werden. Sie, Herr Zunftmeister sind immer noch ein Musterbeispiel für die Verbindung von Wein und Geld in ihrer Zunft. Ihr Bruder ist ja ein erfolgreicher Winzer vom Zürisee.“ 

Weissgeldstrategie und Abgeltungsteuer würden das Leben der Banker schwieriger und die Zukunft ungewisser machen. Da sei es geschickt, Dr. Michael Ambühl, Staatssekretär im  Eidgenössischen Finanzdepartement als Ehrengast einzuladen. Der wisse, wohin die Reise der Banken gehe.


Besuche auf der Fluntermer Stube

Während die Fluntermer Zöifter auf dem Auszug waren, haben der Zunftmeister mit seinen Stubenhockern die Sprecher der Gesellschaft zur Constaffel, der Zunft zur Saffran und der Zunft zur Schmiden empfangen.

Ausklang

Nach der Rückkehr des Fluntermer Auszuges in die heimische Stube sanken die Zöifter feucht und erschöpft auf ihre Stühle und erholten sich bei Bier, Fleischkäse und Bürli. Nach dem Schlusskonzert der Zunftmusik, das wie immer mit dem Sechseläutenmarsch abschloss, erklärte der Zunftmeister das sehr schöne Sechseläuten 2012 für beendet.

21.7.2012 / André Oprecht / Chronist

 
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