Zunft Fluntern

Martinimahl 2012


Am Samstag, 3. November, traf sich die Zunft Fluntern zum traditionellen Martinimahl in der wie immer festlich geschmückten Stube im Kunsthaus. Die Zunft Fluntern treffe sich bereits zum 54. Mal zum Martinimahl in der Zunftstube im Zürcher Kunsthaus, bemerkte der Zunftmeister nach der traditionellen Begrüssung aller Anwesenden. Seit 1958 geniesse die Zunft Fluntern Gastrecht im damals neu erstellten und von Emil Bührle finanzierten Erweiterungsbau des Kunsthauses. Gerade jetzt werde in der Stadt Zürich intensiv über eine weitere Erweiterung gesprochen, über einen Neubau des englischen Stararchitekten David Chipperfield. Im Neubau soll unter anderem die Bührle-Kunstsammlung ausgestellt werden, womit ein fast sechzig Jahre altes Versprechen eingelöst werde. Über die Finanzierung des Neubaus werde am 25.November eine stadtzürcherische Volksabstimmung durchgeführt. (An der Abstimmung  haben die Stadtzürcher dem Neubau zugestimmt). Dies sei der Anlass, dass auch Dr. Martin Zollinger, Präsident der Stiftung Zürcher Kunsthaus, als Gast der Zunft anwesend ist.

Traditionsgemäss ehrte Felix E. Müller anschliessend Zunftmitglieder mit „runden“ und „halbrunden“ Geburtstagen, sowie langjährige Zunftzugehörigkeit. Erwähnt seien hier nur Otto Stoll, der seinen 95. Geburtstag feierte, und Rolf Vogler mit 50 Jahren Zunftzugehörigkeit.







Martinirede des Zunftmeisters

Kürzlich habe sich das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in einem längeren Artikel über das Schweizer Bankgeheimnis erstaunt gefragt, wieso es der Schweiz eigentlich so gut gehe. Der Finanzplatz sei unter Druck, Kundendaten würden ins Ausland verschwinden, Banken müssten Millionenbussen bezahlen. Kurz: „Auf dem Finanzplatz Schweiz herrscht Heulen und Zähneklappern. Stimmt das? Tiefe Arbeitslosigkeit auch bei Jungen, Wachstum der Wirtschaft, Überschuss im Bundeshaushalt. Und was machen die Schweizer: sie jammern, und zwar auf hohem Niveau.“

„Warum geht es den Schweizern gut?“ fragte der Zunftmeister, um gleich eine Antwort zu geben: Zum einen mache die Schweiz generell eine gute Politik. Dank des Föderalismus sei der Staat nahe beim Bürger. Die direkte Demokratie verhindere, dass die Politik abhebe und Projekte mit Verschuldung finanziere. Zudem: Viele Unternehmer würden auf Gewinn verzichten, um Zeit und Geld für die Anpassungen an Marktbedürfnisse zu gewinnen. Phänomenal sei auch die Bereitschaft der Arbeitnehmer, vorübergehend mehr zu arbeiten. Ein weiterer Punkt: Die Wirtschaft der Schweiz sei entgegen der Meinung des „Spiegels“ sehr diversifiziert; ihr Wohlergehen hänge nicht nur von Banken ab.

Die Reaktion vieler Unternehmen auf diese schwierigen Situation sei die Entwicklung neuer Geschäftsfelder. Und last but not least führte der Zunftmeister das Bildungssystem der Schweiz ins Feld. Es gehöre zu den besten Europas: „Die Schweiz ist eine Weltmacht im Bereich Innovation und Erfindungen und hat weltweit die höchste Dichte an Spitzenuniversitäten.“ In diesem Bereich müssten andere Länder, in Europa und in den USA, Sparprogramme durchsetzen. Dieser Umstand ermögliche es unserem Land, ein Fundament für den Wohlstand der nächsten zwei bis drei Generationen zu legen. So werde sich der Spiegel-Redaktor in 25 Jahren fragen: „Warum geht es dem kleinen Land immer noch so gut?“.



Ehrengast Dr. Martin Eckert, Zunftmeister der Zunft Hottingen mit dem Begleiter Martin Schmitt, 1. Zunftschreiber

Er habe den Meister der Zunft Hottingen, Dr. Martin Eckert zum Martinimahl eingeladen, weil sich dieser bekannterweise gut auf Reden vorbereite, beginnt der Zunftmeister die Vorstellung des Ehrengastes. Bei einem Vorbereitungstreffen habe sich Martin Eckert erkundigt, ob er bereits seinen Lebenslauf habe. Als Journalist sei es selbstverständlich, bei der Vorbereitung einer zöiftigen Rede über den Ehrengast zu recherchieren. Die fürsorgliche Frage seines Ehrengastes habe ihm gezeigt, dass dieser vom Handwerk des Journalisten nicht viel verstehe.
Im Schnellzugstempo las daraufhin unser Zunftmeister den sehr umfangreichen Lebenslauf des Ehrengastes von „A“ wie allgemeine Angaben zur Person über Familie, bevorzugte Tätigkeiten und Verwaltungsratsmandate bis „Z“ wie Zunftmeister vor.
Vom Begleiter Martin Schmitt habe er leider keinen Lebenslauf erhalten, er könne aber sagen: „er isch uf jede fall en glatte Siech.“

Der Hottinger Zunftmeister eröffnete seine Rede mit dem Dank für die Einladung der Zunft Fluntern, auch im Namen seines Begleiters. Er habe Mühe gehabt, die Fluntermer Zunftstube zu finden. Die Dame an der Kunsthauskasse habe ihm auf die diesbezügliche Frage geantwortet:„D’Fluntermer finded sie nach em Höllentor, erschti Türe rechts.“ Anschliessend liess sich der Ehrengast über die vielen Kostümgruppen der Zunft Fluntern aus. Die Chorherren könnten nicht vor der Kindergruppe marschieren, da einzelne Kinder ihrem Vater zurufen könnten. Der Fluntermer Zunftmeister sei bei der Hochwacht. Zwischen Hochwacht und „NZZ am Sonntag“ gebe es übrigens keinen Unterschied. Beide würden einmal pro Woche Rauchsignale geben. Bei den Stadtbürgern würden diejenigen mit marschieren, welche „ vornehm tüend oder gern vornehm wäred.“ Die Ausrufer würden den Fluntermer Geist am besten verkörpern „nume GC chunnt lausiger daher als d’Usrüefer.“ Zum Material der Zunft Fluntern meinte der Ehrengast: „Es chunnt mer vor wie bim Pfarrer Sieber – au det passt de ganzi Plunder inen Container.“

Daraufhin wechselte der Ehrengast das Thema und beschrieb das Verhalten des Fluntermer Zunftmeisters am Zunftmeister-Lunch. Felix schreibe immer etwas in sein schwarzes Büchlein hinein. Was er geschrieben habe, sei am darauffolgenden Sonntag im Leitartikel der NZZ zu lesen. Im Gremium habe Felix eine gewichtige Stimme. Wenn keiner etwas frage, gebe Felix Antwort.
Seine Rede schloss der Hottinger Zunftmeister mit folgenden Gebet ab: „bhüet euis Gott vor Hagel und Wind und Ehregäscht wo vo St.Galle sind!“, wobei er vermutlich Franz Jaeger meinte, den St.Galler Ehrengast.

 




Ehrengast Prof. Dr. Franz Jäger, Alt Nationalrat und Akademischer Direktor Executive School of Management, Technology an Law, Universität St.Gallen

„Der Kanton St.Gallen ist Ehrengast am Sechseläuten 2013.“ Dies sei der Grund, eröffnete der Zunftmeister seine Begrüssung, dass Franz Jaeger Ehrengast auf der Fluntermer Zunftstube sei. Mit Jahrgang 1941 sei er ein verfrühter Vertreter der 68er Generation. Damals habe er sich nicht den Linken angeschlossen, sondern dem Landesring. Franz Jaeger sei der erste Grünliberale der Schweiz, er wurde 1971 in Nationalrat gewählt. Er habe „umegwirblet“ und sich dabei Feinde geschaffen. Dies habe in konservativen St.Gallen bewirkt, dass Franz Jaeger erst 1989 als Professor für Wirtschaftspolitik an der Hochschule St.Gallen gewählt wurde. „Er war ein EU-Kritiker und Verfechter der liberalen Marktwirtschaft und Gegner von allzu vielen Staatsinterventionen“ fuhr der Zunftmeister fort. Seit seinem Rücktritt als Professor 2007 biete Franz Jaeger Kurse für Politiker an. Das finde er super, meinte der Zunftmeister, da könnte man den gesamten Gemeinderat der Stadt Zürich in die Ausbildung schicken, da dessen ökonomischer Sachverstand  bekanntermassen extrem limitiert sei.

In seinem unverwechselbaren St.Galler-Dialekt bedankte sich der Ehrengast für die Einladung zum Martinimahl. Die St.Galler mit einem kleinen Minderwertigkeitskomplex würden Zürich bewundern. Zürich sei wie eine Insel in der Schweiz, und die Schweiz sei auch eine Insel in der Schuldenwüste von Europa, so der Ehrengast. Die Schweizer hätten oft das Gefühl, zurückstecken zu müssen, wenn es von aussen Lärm gebe. Wenn uns Steinbrück zu den Indianern zähle, würden uns die Knie schlottern und der Bundesrat knicke ein.
Franz Jaeger setzte seine Rede mit zunehmendem Engagement fort. „Ist das nötig? Zürich hat Erfolg in der Schweiz und die Schweiz in Europa. Ist Erfolg ist unser grösster Feind?“
In der Schweiz habe es immer mehr Politiker, welche diesen Erfolg gar nicht wollten. 
Diese würden systematisch versuchen, die Verhältnisse in der Schweiz so zu verändern, dass sie gleich werden wie das übrige Europa. Dann würden wir dort landen, wo die Länder im Süden heute schon sind und der Norden dagegen ankämpft, hinzukommen. Unsere linken Politiker würden wirklich meinen, man könne die Kuh metzgen und sie gebe nachher trotzdem noch Milch.

In Zürich, fuhr Franz Jaeger fort, plane der Stadtrat ein neues Fussballstadion ohne Mantelnutzung. Finanziert werden sollen Bau und Betrieb aus Steuermitteln. Das sei  ordnungs- und finanzpolitisch sehr fragwürdig. Ist das so, weil die Regelungsdichte in Zürich so hoch sei, dass Private gar nicht mehr bauen könnten? 




Gesellenshow: Das Bundesratsfoto

Die Gesellen interviewten vier Mitglieder des Bundesrates, stellten Fragen zum neuen Bundesratsfoto und kombinierten dies mit dem politischen Geschehen.

Bundesrätin Doris Leuthard
: „Ich würde ein Kleid von AKRIS aus Paris anziehen. Um die Energiewende zu erklären, würden alle ein Windrädli halten. Als alternative Energiequelle schlage ich Kohle vor, symbolisiert mit einem Kohlegrill auf dem Foto.“

Bundesrat Ueli Maurer: „Ich würde die beste Armee der Welt zeigen, symbolisiert durch ein Militärvelo auf dem Foto. Als Hintergrund der Foto empfehle ich den Sturz- ääh, Kampfflieger Gripen.“ 

Bundesrätin Simonetta Sommaruga
: „Ich würde alle Damen vom Strassenstrich am Sihlquai in Zürich in meinem Departement beschäftigen, als Massnahme gegen den Menschenhandel. Als Wertschätzung für ihre Arbeit könnten alle mit auf das Bundesratsfoto.“


Bundesrätin Evelyne Widmer Schlumpf:
 „Ich bin sehr fleissig am Abschliessen von Staatsverträgen. Vom Internationalen Währungsfonds habe ich eine Rechnung erhalten. Da wir an der Euro-Stabilisierung interessiert sind, unterstützen wir die Euro-Fehlkonstruktion weiterhin. Auf dem Foto sollten wir sehr bescheiden auftreten, in einem Hemd und Spendier- ääh, Alltagshosen.“

Die sehr gelungene Gesellenshow endete mit dem traditionellen „aa zelle bölle schelle.“

Ausklang
Gegen Mitternacht wurde der letzte kulinarische Höhepunkt des Martinimahles serviert: Fleischkäse, Püürli und Bier. Mit einem Dank an alle, welche das Martinimahl organisiert haben und für den Auf- und Abbau der Zunftstuben-Dekoration – mit neuen Elementen – sorgten, erklärte der Zunftmeister den Anlass für beendet.


André Oprecht / Chronist




 
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  18.06.2013 | Impressum